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Fähigkeiten und Fertigkeiten eines Leiters/einer Leiterin

Einleitung

Wenn man auf die Rollenerwartungen an eine/n GruppenleiterIn schaut, scheint es als müsse er/sie ein Allrounder sein: Im guten Kontakt zu Kindern und Eltern, zu MitleiterInnen und Gemeinde, verantwortungsbewusst und motiviert, dabei möglichst musikalisch für den nächsten Lagerfeuerabend, sportlich, um bei der kommenden Lagerolympiade zu begeistern, witzig bei der Anleitung des nächstens Spiels, aber auch gut organisiert und strukturiert, um den Gruppenausflug zu planen, die Finanzen im Blick zu haben und die nächsten Aktionen der Gemeinde mit vorzubereiten. Eine Stellenbeschreibung für die Aufgabe als Gruppenleiter könnte so aussehen: ►mehr

Wer würde sich auf einen solchen Job bewerben wollen? Wenn du das liest, denkst du dir vielleicht: Ist das wirklich etwas für mich? Kann ich diese Anforderungen alle erfüllen? Und auch noch ehrenamtlich?

Ja, ein/e GruppenleiterIn macht ganz schön was her! Auch wenn die Beschreibung überspitzt geschrieben ist, erfüllst du als GruppenleiterIn viele dieser Aufgaben und Anforderungen – oft ganz automatisch. Denn als GruppenleiterIn gilt vor allem „learning by doing“ und Aufgabenteilung. Niemand ist allein für all das zuständig und muss alles sofort können und wissen.

Wichtig ist vielmehr eine offene und neugierige Grundhaltung – Lust, dazuzulernen: Wer die Aufgabe gerne macht und gleichzeitig ernst nimmt, wer seine Talente einsetzen und neue Erfahrungen sammeln will, der ist in der Kinder und Jugendarbeit genau richtig. Ein wenig solides Grundwissen (das du dir beim Lesen dieses Handbuches aneignen kannst), der Ausbau eigener Fähigkeiten und Kompetenzen, um mehr Sicherheit im Leiten von Gruppen zu bekommen, eine Auseinandersetzung mit der eigenen Leiterpersönlichkeit und ein sensibler Umgang mit Kindern/Jugendlichen sind wichtige und gute Grundlagen für qualifizierte GruppenleiterInnen.

Verantwortungsbewusste und flexible GruppenleiterInnen gesucht:

  • Sind Sie interessiert an der Erziehung von Kindern und Jugendlichen? Haben Sie Erfahrung, sie in ihrer Entwicklung zu begleiten, ihnen Vorbild zu sein, Wissen und Werte zu vermitteln und Orientierung und Halt zu bieten?
  • Kennen Sie sich gut in der katholischen Kirche aus? Sind Sie gewillt und fähig, Kinder und Jugendliche im Glauben an Jesu Christi zu erziehen, sie in ihrem Glauben zu bestärken, Glaubensmomente zu ermöglichen und ihnen Wegbegleiter zu sein?
  • Treten Sie souverän gegenüber anderen Menschen auf? Können Sie die Interessen Ihrer Gruppe gegenüber der Gemeinde oder anderen Gruppen und Gremien vertreten? Repräsentieren Sie auch in der Öffentlichkeit ein authentisches und positives Bild von Jugendarbeit und JugendgruppenleiterInnen in der katholischen Kirche?
  • Sind Sie ein guter Teamplayer? Das heißt: Können Sie Ihre Interessen im Team einbringen und zielorientiert verfolgen, dabei gleichzeitig die Interessen anderer wertschätzen und so tragfähige Kompromisse schließen?

Dann freuen wir uns, wenn Sie bei uns GruppenleiterIn werden möchten!

Dabei erwarten wir von Ihnen Humor und Witz, immer die zündende Idee für ein geeignetes Spiel und eine lockere, kumpelhafte Art, die bei Kindern und Jugendlichen gut ankommt.

Auf einen Lohn verzichten Sie gerne freiwillig, da Sie diese Tätigkeit aus selbstlosen Motiven heraus verrichten, dabei zeitlich flexibel und zuverlässig sind.

Kompetenzen für das Leiten von Gruppen

Da die Aufgabenbereiche bei euch vor Ort unterschiedlich sein können, geht es im Folgenden nicht um einzelne Aufgaben, sondern um Kompetenzen, die allgemein wichtig sind, um mehr Sicherheit und Selbstbewusstsein beim Leiten von Gruppen zu erlangen.

Kompetenz bedeutet, die eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten (das, was man kann und gelernt hat), je nach Situation angemessen einzusetzen. Zur besseren Übersicht unterteilen wir die Kompetenzen in fünf Bereiche:

  • Mit Fachkompetenz ist die Kenntnis von Themen gemeint, die zum Erfüllen einer bestimmten Aufgabe nützlich oder notwendig sind. Zum Leiten einer Gruppe sind das z.B. grundlegende Kenntnisse über die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen, über Pädagogik, Recht und Versicherung. Beim Gruppenleiten geht es nicht darum, Experte auf all diesen Gebieten zu werden, sondern sich gewisse grundlegende Fachkompetenzen anzueignen.

  • Methodenkompetenz bedeutet, passende Mittel und Techniken zu kennen und situationsgerecht einsetzen zu können, um ein Ziel zu erreichen. So ist z.B. das Spielen eine wichtige Methode für Kinder, um zu lernen und Erfahrungen zu sammeln. Das Spiel soll aber auch einem bestimmten Zweck dienen: Die Kinder/Jugendlichen sollen sich dadurch z.B. besser kennenlernen, in Bewegung oder zur Ruhe kommen. Je nachdem, was gerade euer Ziel ist, müsst ihr das passende Spiel auswählen. (Zum Kapitel Spielpädagogik).

  • Um die jeweilige Situation und die Teilnehmenden gut einschätzen zu können, ist soziale Kompetenz entscheidend. Hier geht es darum, wie du im Umgang mit anderen Menschen handelst und kommunizierst (Zum Kapitel Kommunikation). Das schließt z.B. die Fertigkeit ein, Stimmungen bei anderen Menschen wahrzunehmen (fühlt sich Person X in der Gruppe wohl oder nicht?) oder bestimmte Themen einfühlsam vermitteln zu können. Es geht um Wertschätzung und Lob, Menschen begeistern und motivieren zu können, aber auch Kritik angemessen und fair zu äußern.

  • Selbstkompetenz hingegen bezieht sich darauf, Stimmungen und Gefühle in einem selbst wahrzunehmen (fühle ich mich gerade wohl?) und damit angemessen umzugehen. Es bedeutet, die eigenen Bedürfnisse und Grenzen zu kennen und bewusst und kontrolliert nach außen zu handeln. Während die Selbstkompetenz nach innen gerichtet ist, wirkt sie auf die soziale Kompetenz, die sich nach außen auf das Miteinander mit anderen Menschen bezieht. Ein Beispiel: Auch wenn ich in der Gruppenstunde gerade total wütend bin, ist es wichtig, dass ich diese Wut kontrolliere und meinen eigenen Anteil daran wahrnehme (Selbstkompetenz) und dann in einem angemessen Ton mit den Kindern oder Jugendlichen bespreche, was gerade schief gelaufen ist (soziale Kompetenz) – anstatt laut zu werden und aus dem Affekt heraus zu handeln.

  • Spirituelle Kompetenz ist die Auseinandersetzung mit eigenen Glaubens- und Sinnfragen. Dies bedeutet, sich darüber Gedanken zu machen, was und woran man glaubt, wie man seinen Glauben praktiziert und eine Sprache dafür zu finden, um auch mit Kindern und Jugendlichen über Glauben, Zweifel und Hoffnungen ins Gespräch zu kommen. Es schließt auch mit ein, spirituelle Momente wahrzunehmen und zu gestalten.

Diese verschiedenen Kompetenzen entwickelt man ein Leben lang weiter. Um dir Fachkompetenz anzueignen, kannst du Bücher lesen, auch verschiedene Umsetzungsmethoden kannst du dir anlesen. Wann aber welche gut funktioniert, wirst du durchs Ausprobieren und Erfahrungen lernen. Vor allem durch die Reflexion dieser Erfahrungen (auch im Gespräch mit anderen) lernst du dich selbst immer besser kennen und entwickelst ein besseres Gespür für deine Mitmenschen – steigerst also deine soziale und deine Selbstkompetenz. Also: runter von der Couch, rein ins Getümmel, ausprobieren, Fehler machen und daraus lernen. Niemand ist perfekt geboren, aber jeder kann seine Fähigkeiten ausbauen.

Die eigenen Kompetenzen und die ganz individuelle Persönlichkeit (Zum Kapitel Charismen und Einstellungen) jedes/jeder Einzelnen stehen dabei im Wechselspiel miteinander: Der Erwerb neuer Kompetenzen wirkt sich auf deine Persönlichkeit aus, während deine Persönlichkeit gleichzeitig Einfluss darauf hat, ob und wie du dir neue Kompetenzen überhaupt aneignest. Bist du offen für Neues, hast du Lust zu lernen oder empfindest du das eher als Last? Je nachdem wirst du das Neue anders aufnehmen, bewerten und in dein Verhalten übernehmen oder nicht.

Deine Persönlichkeit und deine Kompetenzen zusammen bilden schließlich dein Handeln bzw. hier konkret dein Handeln als GruppenleiterIn. Persönlichkeit + Kompetenz = (Leitungs-) Handeln. Also: Wer du bist und was du kannst, führen zu dem, wie du dich verhältst. Und die Reflexion deines Handelns/Verhaltens wirkt wiederum zurück auf deine Persönlichkeit und deine Kompetenzen.

Beziehungsgestaltung als Grundlage von Leitung

Klar ist, dass du als LeiterIn die Führungsrolle übernimmst. Nur, wie kannst du diese Führungsrolle verantwortungsvoll, zum Wohle und zur Förderung der Kinder und Jugendlichen, ausfüllen? Ausgangspunkt ist es, eine gute, qualitative Beziehung zu ihnen aufzubauen.

Denn die Art und Weise, wie ihr in eurer Gruppe miteinander und wie du als Führungsperson mit den TeilnehmerInnen umgehst, wie ihr Konflikte austragt, wie ihr zusammenarbeitet, ist von ganz entscheidender Bedeutung für das Wohlbefinden aller in der Gruppe. Wenn das Gruppenklima stimmt, lässt sich (fast) alles andere regeln. Diese Qualität einer Beziehung kannst du natürlich nicht verordnen oder einfordern, sie muss wachsen. Orientierung dabei geben dir folgende Werte und Einstellungen:

  • Respekt für den anderen heißt, dass du dich für die Gefühle, Gedanken und Absichten der Kinder und Jugendlichen interessierst, sie ernst nimmst und berücksichtigst. Nicht immer können alle Wünsche unter einen Hut gebracht werden, dann aber gilt es, tragfähige Kompromisse zu finden, die die Bedürfnisse aller Teilnehmer achten.
  • Authentizität bedeutet, dass du auch deine Gefühle, Gedanken und Absichten aufrichtig den anderen mitteilst. Als LeiterIn musst du manchmal auch unliebsame Entscheidungen treffen – die Gruppe wird diese verstehen und mittragen, wenn du die Entscheidung authentisch vertreten und begründen kannst.
  • Verantwortungsbewusstsein für die Beziehung: Die Verantwortung für das Gelingen einer Beziehung tragen immer alle Beteiligten. In der Konstellation LeiterIn – Gruppenmitglieder trägst du aber eine besondere Verantwortung und dein Verhalten ist von besonderer Bedeutung. So solltest du zum Beispiel bereit sein, bei Problemen oder Konflikten die Initiative zu ergreifen und aktive Schritte zu unternehmen, um an der Beziehung zu arbeiten. Dies wird meistens nicht von den Kindern oder Jugendlichen ausgehen, sondern ist deine Verantwortung als LeiterIn.
  • Vertrauen hat verschiedene Dimensionen: Vertrauen in dich selbst, die Aufgabe bewältigen zu können; Vertrauen in die Gruppenkinder und -jugendlichen, dass auch sie an der Beziehung und Gestaltung der Gruppenstunde interessiert sind sowie ein gewisses „Gottvertrauen“ – die Gelassenheit bei Konflikten, dass diese sich bestimmt lösen lassen.

Es geht also darum, Kinder und Jugendliche als gleichwertig und gleich„würdig“ zu behandeln – nicht, sie mit gleichen Rechten und Pflichten auszustatten.

Die Leitungsverantwortung bleibt bei dir. Wenn du mit dieser Grundhaltung an die Aufgabe als GruppenleiterIn gehst, ist schon viel erreicht. Denn Kinder/Jugendliche lernen durch das, was Erwachsene ihnen vorleben. Die Art, wie Personen, die ihnen nahe sind, miteinander umgehen, wie sie Konflikte und Streit austragen, ist das, was erzieht und was Kinder und Jugendliche nachahmen. (vgl. Juul 2013)

Leitungsstile

Auch wenn dein Leitungs-Handeln stark von deiner Persönlichkeit, deinen Erfahrungen und Kompetenzen abhängt, gibt es bestimmte Herangehensweisen an die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Im klassischen Verständnis spricht man von drei Leitungsstilen (die auch als Erziehungsstile bezeichnet werden): autoritär, laissez-faire und partnerschaftlich-demokratisch. Diese Stile beschreiben, wieviel Einfluss die Gruppenleitung auf die inhaltliche Arbeit und die Ziele und Regeln des Miteinanders ausübt. Es sind Idealtypen, d.h. sie kommen in der Realität nicht in Reinform vor, können aber eine Tendenz beschreiben. Daher werden sie im Folgenden mit ihren Vor- und Nachteilen kurz vorgestellt:

Autoritärer Leitungsstil

Der/die GruppenleiterIn bestimmt die Inhalte und geltenden Regeln allein. Die Teilnehmenden haben keine Mitsprache- und Mitbestimmungsrechte, sondern werden nur informiert. Der Stil ist durch Anordnungen und Kontrolle geprägt, nicht durch Diskussion oder eine Begründung des Handelns.

  • Vorteile sind eine klare Struktur und Orientierung, feste Regeln, so dass alle wissen, was zu tun ist. Geplante Aktivitäten können ohne zeitintensive Diskussionen durchgeführt werden.
  • Nachteile sind, dass die Gruppe dadurch unselbstständig ist/bleibt, den einzelnen Teilnehmenden keine Gelegenheit gegeben wird, eigene Meinungen und Standpunkte zu entwickeln und mit anderen Gruppenmitgliedern Kompromisse auszuhandeln. Eigenverantwortung und Mitbestimmung werden untergraben. Eine so starke Hierarchie mündet häufig in Passivität und Lustlosigkeit, teils auch in Angst und mangelndes Vertrauen gegenüber der Leitung und untereinander.

Laissez-Faire Leitungsstil

Der/die LeiterIn lässt die Gruppe einfach „machen“ (laissez-faire = machen lassen); d.h. er/sie zieht sich aus dem Gruppenprozess heraus, beobachtet die Gruppe gewissermaßen von außen und tut so, als sei er/sie gar nicht anwesend. Auch bei Konflikten wird nicht eingegriffen.

  • Vorteilhaft für die Gruppe ist, dass sie viel Freiheit hat, Inhalte und Regeln selbst zu bestimmen und dadurch Selbstständigkeit und Eigenverantwortung gefördert werden können.
  • Nachteil: Durch eine fehlende Leitung entsteht schnell eine Überforderung für die Gruppe. Sie ist dann ziel- und orientierungslos, was zu Unzufriedenheit führt. Gerade Schwächere und Minderheiten in der Gruppe haben es schwer, da die Gruppe schnell von den Stärkeren dominiert werden kann, die Grenzen missachten und ihre Interessen durchsetzen wollen.

Partnerschaftlich-demokratischer Leitungsstil

Die Leitung gibt einen Teil ihrer Verantwortung an die Gruppe ab, ohne ihre Führungsposition aufzugeben. Sie bindet die Teilnehmenden in Entscheidungsprozesse ein, leitet dabei an und bringt sich auch selbst mit eigenen Ideen in den Gruppenprozess ein. Dadurch, dass sie aktiv teilnimmt, kann sie die Fähigkeiten Einzelner gezielt fördern oder Schwächeren in der Gruppe Gehör verschaffen.

  • Das hat den Vorteil, dass alle Gruppenmitglieder sich gleichberechtigt einbringen können und dadurch die Ideen und Regeln der Gruppe mittragen; es fördert ihre Eigenverantwortung und Kompromissbereitschaft und wirkt i.d.R. motivierend.
  • Nachteilig ist, dass der Leitungsstil zeitaufwändiger ist, da viele/alle Entscheidungen diskutiert und ausgehandelt werden. Dies birgt auch die Gefahr von Frustration, Langeweile und Langatmigkeit.

Da alle drei Stile ihre Vor- und Nachteile und damit auch ihre Berechtigung haben, ist keiner der einzig „richtige“ oder sinnvolle Weg, wenngleich sich natürlich der partnerschaftlich-demokratische Leitungsstil als Leitmotiv bewährt hat, da er die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu selbstständigen und selbstbewussten Personen am besten fördert. Je nach Situation gilt es aber abzuwägen, wie du als LeiterIn verantwortungsvoll handeln kannst. Hier kommen wieder deine Kompetenzen ins Spiel: Wann bringt welcher Stil bzw. welche Herangehensweise die Gruppe in ihrer Entwicklung voran? Dabei ist ein Verständnis der Gruppenphasen ein hilfreicher Indikator (Gruppenphasen), aber auch die aktuelle Situation: Bei Gefahren oder am Anfang einer Gruppenstunde, sind klare Ansagen der Leitung häufig wichtig und sinnvoll; wenn die Gruppe an einer Entscheidung arbeitet oder es Konflikte gibt, sollte der/die LeiterIn moderieren und mit der Gruppe im Gespräch sein; wenn die Gruppe sich wohlfühlt, gemeinsam an einer Aufgabe arbeitet oder abends am Lagerfeuer sitzt, kann der/die LeiterIn sich auch einmal herausziehen und die Gruppe „machen lassen“.

Wichtig ist, dass du in ähnlichen Situationen gleich reagierst. „Heute so – morgen so“ bringt Unsicherheit und Orientierungslosigkeit in die Gruppe. Du solltest als Leitung klar und erkennbar sein und Position beziehen, was dir wichtig ist und welche Regeln gelten. Also: Welche Leitungspersönlichkeit bist du?

Sensibler Umgang mit Macht

Zwischen LeiterInnen und Kindern/Jugendlichen besteht prinzipiell ein Machtgefälle, da LeiterInnen den Kindern und Jugendlichen in verschiedener Hinsicht überlegen sind:

  • entwicklungsbedingt (sowohl körperlich als auch geistlich), weil sie älter/erwachsen sind,
  • strukturell, weil sie Maßstäbe und Rahmen der Gruppenstunden bestimmen
  • und häufig auch hinsichtlich der Zuneigung und Bewunderung, die Kinder/Jugendliche ihnen entgegenbringen.

Daher hast du als LeiterIn Macht über die Kinder und Jugendlichen. Das ist eine Tatsache und sollte nicht ignoriert oder heruntergespielt, sondern offengelegt und im Sinne der Kinder und Jugendlichen genutzt werden. Denn Macht ist notwendig, um zu leiten und zu führen und um deiner Verantwortung für die Kinder/Jugendlichen nachzukommen: Du hast die Aufsichtspflicht übernommen, du willst die Gruppe vor Gefahren schützen, du musst die Einhaltung grundlegender Gruppenregeln bzw. Verhaltensnormen im Miteinander (kein Schlagen, Treten, Anschreien usw.) durchsetzen, du willst bei Konflikten vermitteln und die Kinder/Jugendlichen fördern usw. Ohne dich als Gruppenleitung funktioniert die Gruppe nicht. Für all das ist eine gewisse Autorität und Macht unumgänglich.

Es ist wichtig, dass dir dieser Machtzusammenhang bewusst ist, damit du nicht Gefahr läufst, deine Machtposition – auch ungewollt – auszunutzen. Das kann schnell passieren, gerade wenn dir nicht klar ist, wie sehr dein Verhalten als LeiterIn die Kinder/Jugendlichen beeinflusst. Beispielsweise nutzt du deine Macht- und Vorbildfunktion aus, wenn

  • du bei einer Diskussion eine Meinung sehr stark vertrittst und sich die anderen hinterher nicht mehr trauen, sich anders zu entscheiden,
  • du selbst Fehler machst, dich dafür aber nicht kritisieren lässt oder dich nicht entschuldigst,
  • ihr bestimmte Spiele oder Rituale durchführt, die Kinder/Jugendliche ängstigen oder herabwürdigen (können).

Gerade der letzte Punkt ist ein nach wie vor verbreitetes Phänomen: Bestimmte Rituale (Lagertaufen oder ängstigende Nachtwanderungen mit „Entführungen“, Spiele, wo eine Person bloßgestellt wird usw.) werden in manchen Gruppen von Leitungsgeneration zu Leitungsgeneration weitervererbt, ohne dass ihr Sinn und Nutzen hinterfragt werden. Gerade diese sollten aber im Mittelpunkt der Auswahl von Spielen und Ritualen stehen. Sie sollen das Wir-Gefühl stärken und Spaß machen. Wenn Kinder und Jugendliche dadurch aber bloßgestellt oder herabgewürdigt werden, verletzt dies ihre Integrität, und das ist ein klares Zeichen dafür, dass du deiner Verantwortung nicht gerecht wirst.

Sensibler Umgang mit Grenzen und Nähe

Eine spezielle Form des Machtmissbrauchs, die besonders schwerwiegende Auswirkungen haben kann, ist, wenn du Kindern oder Jugendlichen ein überhöhtes Maß an Nähe (an Körperkontakt oder auch Interesse an deren Privat- und Intimleben) entgegenbringst und ihre persönlichen Grenzen verletzt.

Natürlich ist Nähe notwendig für eine gute Bindung und Beziehung, aber in angemessener Art und Weise und in gewissen Grenzen. Es gibt im Gruppenstundenalltag und gerade bei Ferienfreizeiten immer wieder Situationen, in denen Kinder und Jugendliche auch von sich aus ihren LeiterInnen sehr nahe kommen (wollen), Trost oder eine Umarmung brauchen oder auch sehr private Dinge erzählen. Wichtig ist, dass du dich einerseits selbst abgrenzen kannst (auch als LeiterIn und Vertrauensperson bist du nicht für alles zuständig) und gleichzeitig eine gute Balance von Nähe und Distanz vorlebst, die den Kindern und Jugendlichen als Orientierung dient. Du als LeiterIn hast wesentlichen Anteil daran, den Grad an Nähe zu bestimmen und bist dafür verantwortlich, ein professionelles Mindestmaß an Distanz und klare Grenzen zu wahren. Kinder und Jugendliche (gerade wenn sie selbst Probleme zu Hause haben) sind dazu nicht in der Lage. Wenn du dir dabei unsicher bist oder Unterstützung brauchst, solltest du dir Feedback von deinen MitleiterInnen einholen, denn ein gutes und angebrachtes Maß an Nähe und einen sensiblen Umgang mit den persönlichen Grenzen jedes Einzelnen kann man lernen.

Wer dazu nicht bereit ist und Kindern oder Jugendlichen immer wieder unangebracht zu nahe kommt, der verhält sich übergriffig und missbraucht seine Macht- und Vorbildfunktion – und ist damit als LeiterIn nicht geeignet. Stellst du ein solches Verhalten bei deinen MitleiterInnen fest, solltest du verantwortungsbewusst handeln und geeignete Schritte in die Wege leiten. Bei (vielleicht auch unbewussten) Grenzüberschreitungen kann dies ein Gespräch mit dem/der LeiterIn sein, bei schwerwiegenderen Grenzverletzungen oder Übergriffen solltest du schnellstmöglich den Vorstand, die/den Jugendbeauftragte/n oder eine Beratungsstelle kontaktieren.

Ein sensibler und achtsamer Umgang mit Macht, Nähe und Distanz und den persönlichen Grenzen jedes Einzelnen ist eine wesentliche Voraussetzung für gute und verantwortungsbewusste Gruppenleitung.

Literatur

Juul, Jesper: Die kompetente Familie. Neue Wege in der Erziehung. Das familylab-Buch. Beltz Taschenbuch, 2013

Deutsche Pfadfinderschaft St. Georg: Ausbildung der Gruppenleiterinnen und Gruppenleiter. Teil 1.2: Woodbadge-Kurs der Jungpfadfinderstufe. 2012

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